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Rezension: Der Vorhang fiel- Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen- Gerti Michaelis Rahr

Die mittlerweile 96 jährige Künstlerin Gerti Michaelis Rahr erzählt im vorliegenden Buch ihre ereignisreiche Lebensgeschichte. 1921 wurde sie in Stettin/Westpreußen geboren und lebt heute unweit von Leutkirch im Allgäu. 

Bereits als Kind erhielt die spätere Ballettmeisterin Tanzunterricht. Sie hatte Glück, denn ihr Vater war ein musikalisch veranlagter Mensch, wie sie schreibt und förderte ihre Begabung. Erzogen wurde sie liberal, besuchte – was damals für Mädchen noch unüblich war- das Gymnasium und engagierte sich im Gegensatz zu ihren Mitschülerinnen nicht im "Bund Deutscher Mädchen (BDM)" sondern hatte fast ausschließlich Ambitionen für ihre künstlerische Tätigkeit. 

Als 19 jährige verlegte sie ihren Wohnsitz nach Weimar, wo sie sich in der dortigen Musikhochschule als Gasthörerin eintrug. Ihr Theaterengagement am Weimarer Nationaltheater ließ es nicht zu, alle Fächer belegen zu können. Die Autorin berichtet davon, dass der konstant klassische Spielplan dort ein Höchstmaß an tänzerischer Technik und Ausdruck abverlangte. Dabei war das Weimarer Nationaltheater offenbar immer ausverkauft und das fünfundsiebzig Mann starke Staatsorchester beflügelte Gerti, zu bis dahin nicht gekannten Leistungen. 

Nicht unerwähnt lässt die Autorin, dass das Nationaltheater Weimar neben dem Nürnberger Opernhaus sowie der Bayreuther Oper zu Hitlers Lieblingsbühnen zählten. Trotz dieser Tatsache, sei er während ihrer Spielzeit in Weimar aber nicht aufgetaucht. Sie lernte allerdings eine Reihe anderer hochrangiger Nazis in Weimar kennen unter anderem die Frau des Lagerkommandanten von Buchenwald, die berüchtigte Ilse Koch-, deren dissoziale Persönlichkeit mehr als nur schockierend war. 

Gerti Michaelis Rahr erzählt von ihren Eindrücken damals,  auch von ihrer Zeit am Theater in Guben und vom Kennenlernen ihres ersten Mannes,  dem ungarischen Diplomaten Andreas Török von Szendrö, der zu diesem Zeitpunkt auf Schloss Bärenklau in Guben lebte, weil die ungarische Gesandtschaft und das Konsulat dort einige Räume angemietet hatte. 

Was zunächst ein wenig nach Märchen klingt, spitzt sich in der Folge allerdings immer mehr zu einem Drama zu, denn diese Liebesgeschichte war an viel Leid gebunden, das von außen auf die beiden einstürzte. Gerti musste wie all ihre weiblichen Theaterkolleginnen Ende des Krieges  in einer Munitionsfabrik arbeiten. Sie berichtet von der Grausamkeit der Nazis selbst kriegsgefangenen Kindern gegenüber und von der Drohung, die ihr widerfuhr, ins Arbeitslager geschickt zu werden, wenn sie weiterhin Mitgefühl gegenüber diesen Kindern an den Tag legen würde. 

Ihr weiteres Schicksal führt sie nach Berlin und von dort nach Dresden, wo ihre Mutter und ihre Schwester, die Bombennächte des Februars 1945 überlebt hatten. Die Autorin beschreibt, was sie in dieser zerstörten Stadt sieht, während sie ihre Angehörigen sucht.“Die Menschen (…) erstickten, verkohlten, schrumpften zusammen. Zum Teil konnte man erst nach Tagen die überhitzten Keller von außen öffnen und die Leichen auf den Trümmern überdeckten Straßen platzieren.Der Anblick brachte mich immer wieder an den Rand der Ohnmacht“. 

Ihre Mutter und ihre Schwester will Gerti in einem Häuschen außerhalb Berlins unterbringen. In Berlin üben mittlerweile die Tataren Rache dafür, was die Deutschen den Russen angetan hatten, vergewaltigen Frauen und verwüsten die Stadt.

Gerti, die einen gefälschten, ungarischen Pass besitzt und als Ehefrau von Andreas gilt, wird von den marodierenden Soldaten in Ruhe gelassen, doch wird sie nach Kriegsende mit ihrem späteren Ehemann in ein Internierungslager in die Nähe von Moskau verschleppt. 

An ein freies Leben und an Aufbau ist für sie nach der Kapitulation demnach nicht zu denken. Sie bangt erneut um ihre Zukunft. Auch von ihren Eindrücken damals und jenen, die sie später in Ungarn sammeln konnte, schreibt sie packend, sogar, dass man sie in Ungarn des Landesverrates verdächtigt hat. 

Die Herkunft ihres Mannes ist nun im kommunistisch gewordenen Ungarn alles andere als ein Vorteil.  Gerti, die 24 jährige, faktisch noch unverheiratete Künstlerin befindet sich in einem fremden Land, deren Sprache sie nicht spricht und berichtet, was sich dann in der Folge ereignet, schreibt von ihrer Eheschließung, von der Geburt ihrer beiden Kinder, den Schikanen der örtlichen Parteizentrale und ihrer Tätigkeit als Ballettmeisterin in Ungarn, die ihr einige schwierige Prüfungen abverlangte. Mit einer beachtlichen Dissertation in Französisch und Ungarisch erlangte die Künstlerin das Diplom "Pädagogin und Ballettmeisterin für klassisches Ballett und ungarischen Volkstanz", der dem Titel einer Professorin entsprach. 

Sie schreibt von ihrer erfolgreichen, beruflichen Tätigkeit, schreibt aber auch von den vielen Schattenseiten in ihrem Leben in Ungarn, dem Aufstand des ungarischen Volkes im Jahre 1956 gegen das kommunistische Regime und der Tatsache, dass es damals für sie und ihre Familie keine Fluchtmöglichkeiten gab. 

Erst 1963 kommt sie nach Deutschland zurück und wieder steht ihr und ihrer Familie ein Neuanfang ins Haus. Erneut sind die Herausforderungen riesig, erneut geht Gerti ihren Weg und lernt, nach dem Tode ihres Gatten, einen anderen Mann kennen, mit sie entspanntere Zeiten erlebt, die man beinahe als Ausgleich für das, was zuvor über sie hereingebrochen ist, begreifen könnte. 

Wann stehen Beziehungen unter einem guten einem guten Stern? Wenn man an Bürden, die man gemeinsam vom Schicksal auferlegt bekommt, wächst?  Oder doch eher, wenn man problemlos liebend, die Leichtigkeit des Seins genießen kann?

Dies ist ein äußerst spannend zu lesendes Buch von einer Frau, die sich aufgrund von politischen Unwägbarkeiten nicht unterkriegen ließ, sich selbst treu blieb, ihre Mitmenschlichkeit nicht verleugnete und sich nicht an Unrechtsregime anpasste, jedoch durch sie erfahren hat, wie inhuman Menschen sein können, wenn man ihnen Macht  gibt.

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Der Vorhang fiel: Lebenswege einer Künstlerin durch drei Diktaturen

Rezension: Mit Wagemut und Wissensdurst- Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen- Felicitas von Aretin- Elisabeth Sandmann

Die Autorin dieses spannenden Buches in die Historikerin Dr. Felicitas von Aretin. Sie leitet die Pressestelle der Freien Universität Berlin, ist zudem im Bereich Kommunikation der Max-Planck-Gesellschaft tätig und verantwortet seit 2015 die Abteilung Medien und Kommunikation am Deutschen Jugendinstitut in München. 

Das Buch, in dem insgesamt 21 Frauen porträtiert werden, ist in fünf Kapitel untergliedert. Jedes Kapitel beginnt mit einem, es stets kurz erläuternden Vorspann, dem dann die entsprechenden biographischen Texte folgen, in die auch immer Fotos eingebunden sind. 

Die Kapitel lauten: 

Frauen drängen in Männerdomänen 
Pionierinnen der Naturwissenschaften 
Frauen in Kultur und Medien 
Im Einsatz für das Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft 
Selbstständige und Unternehmerinnen 

Im Vorspann des 1. Kapitels erfährt man sogleich, dass die erste Frau, die 1867 in Zürich das Medizinstudium mit einem Doktorgrad abschloss, eine Russin war und es die Russinnen gewesen sind, die letztlich auch für viele Deutsche und Schweizerinnen den Weg frei machten, um vor 1900 in der Schweiz zu studieren. Es waren die prestigeträchtigen Fächer wie Medizin, Jura, Architektur und Theologie, in denen der Widerstand gegen das Frauenstudium besonders groß war, deshalb wichen die Frauen in diesen Studiengängen auf Familienrecht, Innenarchitektur und Gynäkologie aus. 

Man lernt im ersten Kapitel drei Frauen kennen, die gegen den Strom geschwommen sind. Die Porträts hier nachzuzeichnen, würde bedeuten, die Neugierde zu schmälern. Das allerdings möchte ich nicht, dennoch werde ich zwei Frauen, die im Buch porträtiert sind,  stellvertretend für alle hier anführen. 

Marietta Blau war eine österreichische Physikerin, trotz ihrer Fähigkeiten wurde sie wegen des zunehmenden Antisemitismus nicht habilitiert. Sie schaffte es, am Tag des Einmarsches von Hitlers Truppen mit dem letzten Zug nach Oslo abzureisen und emigrierte 1944 in die USA, wo sie in der Industrie arbeitete und später dann Professorin wurde. Das Leben ging auch weiterhin sehr unfair mit ihr um. Sie erhielt nicht die ihr gebührende Wertschätzung durch einen Nobelpreis, sondern der Brite Cecil Powell wurde damit ausgezeichnet, obschon dessen Forschungen auf den Studien Blaus beruhten. Krank  und mit einer Minimalrente,  da sie als NS-Opfer nicht entschädigt wurde, starb sie vereinsamt und verarmt in Wien. Ihre Bedeutung für die Kernphysik wurde lange nicht anerkannt. 

Dann lernt man beispielsweise im 4. Kapitel die deutsche Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann kennen, die von 1926- 1931 mit dem Soziologen Erich Fromm verheiratet war. Auch sie war Jüdin und musste 44 jährig in die USA emigrieren. Auch sie hatte es nicht einfach, obschon sie erfolgreich therapeutisch arbeitete, als Ausbildungsanalytikerin und Dozentin in New York und Washington forschte und als Supervisorin tätig war. Sie wurde von ihren Kollegen der klassischen Psychoanalyse angefeindet. Zudem wurde sie schwerhörig und dadurch schließlich ebenfalls sehr einsam. 

Deutlich wird, dass ohne  Mentor oder eine Mentorin an der Seite, es  kaum möglich war, sich  auf das Terrain von Männern zu begeben und  sich dort einen Namen zu machen.

Ein interessantes Buch, das auf Frauen aufmerksam macht, die ungeachtet aller Steine, die man ihnen in den Weg legte, ihren Weg zu gehen versuchten und sich vielleicht ein Stück Freiheit erkämpften, wenn auch fast immer zu einem hohen Preis.

Dass einige der Frauen sehr gute Netzwerkerinnen waren,  zeigt, dass sie erkannten,  wie notwendig bei allem Können Rückhalt ist, um Anfeindungen standzuhalten.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Mit Wagemut und Wissensdurst: Die ersten Frauen in Universitäten und Berufen

Rezension: Frauen- Was uns bewegt- Elisabeth Sandmann Verlag

Die Herausgeber dieses großartigen Werkes  mit dem Titel "200 Frauen- Was uns bewegt" sind Geoff Blackwell, der prämierte Verleger und künstlerische Leiter von Blackwell& Ruth und Ruth Hobay. 

Wie der Elisabeth Sandmann Verlag die Leser wissen lässt, hat Blackwell nicht wenige internationale Bestseller über Menschen, Menschlichkeit, Gleichberechtigung und Umwelt konzipiert, so etwa mit Nelson Mandela und Demond Tutu, aber auch den von der Familie Spencer autorisierten Porträtband über Diana, Prinzessin von Wales. 

Ruth Hobay hat eine Vielzahl von Titeln entwickelt, die weltweit gut verkauft werden konnten. Er arbeitet mit Blackwell seit Jahren zusammen und lebt in Neuseeland. 

Der dritte im Bunde ist der preisgekrönte neuseeländische Fotograf Kieran E. Scott. Er hat die interessanten Damen abgelichtet.

Im Buch werden insgesamt 200 Frauen unterschiedlichen Alters gezeigt und es wird im Rahmen spannend zu lesender Interviews oder auch kurzer Statements vermittelt, was ihnen wirklich wichtig ist, was sie glücklich macht, wann sie tiefstes Leid empfinden, was sie in der Welt verändern würden, sofern sie könnten und wie sie sich mittels eines Wortes jeweils selbst beschreiben. 

Dabei handelt es sich keineswegs nur um namhafte, wohlhabende, gebildete Frauen, sondern um solche aus verschiedenen Gesellschaftsschichten mit unterschiedlichem Erfahrungshorizont. 

Wie die Herausgeber eingangs schreiben, haben sie einzelne Interviewpartnerinnen erst durch Recherchen vor Ort gefunden und fassen zusammen, dass in den Antworten Interviewparterinnen vor allem Güte, Großmut, Weisheit, Inspiration und Wahrheit zu erkennen sind. 

Die Verlegerin Elisabeth Sandmann schreibt in ihrer Einleitung, dass es ihr daran gelegen sei, mutigen und unabhängigen Frauen Gehör zu verschaffen. Jeder, der ihre Bücher kennt, kann dies bestätigen. Für die deutsche Ausgabe des Buches durfte ihr Verlag zwölf Frauen auswählen, unter ihnen die Ärztin Monika Hauser, die kriegstraumatisierten und vergewaltigten Frauen durch ihre Organisation "medica mondiale" lebensnotwendige Unterstützung bietet. 

Die zwölf Frauen wurden in Paris, Berlin und München interviewt und fotografiert. Alle 200  Damen sind auf Porträtaufnahmen zu sehen. Jeder ist eine bestimmte Eigenschaft zugeordnet. Im Rahmen einer kurzen Biographie liest man jeweils, etwas über das Leben dieser Frauen. Die Geburtsdaten werden charmanter Weise verschwiegen. Dann folgen die standardisierten Interviewfragen. Interessant finde ich es zu ermitteln, ob die Antworten der einzelnen Personen und die jeweils zugeordneten Eigenschaften mit dem jeweiligen Gesichtsausdruck übereinstimmen.

Auf einzelne Personen und Interviews einzugehen, wäre unfair. Angela Davis, eine der Interviewpartnerinnen möchte ich allerdings stellvertretend für alle erwähnen. Die heutige Professorin für Philosophie ist eine berühmte Bürgerrechtsaktivistin, die als Wissenschaftlerin und Schriftstellerin zehn Bücher verfasst hat, so etwa ein Buch über Rassismus und Sexismus. 

Sie sagt am Ende des Interviews, dass sie sich nach Gerechtigkeit sehne und zwar für alle, weil nur so sie möglich sei. Diesem Gedanken schließe ich mich an.

Das Buch sollten nicht nur Frauen zur Hand nehmen. Es stimmt nachdenklich, schenkt dabei Lesefreude und verdeutlicht, dass es stets Sinn macht, sich mit der Vielfalt von Antworten zu einzelnen Fragen zu befassen. Standpunkte sind nicht zuletzt das Produkt von Erfahrungen. Man sollte ihnen stets tolerant begegnen und an die klugen Worte der Indianer denken:

"Großer Geist, bewahre mich davor, über einen Menschen zu urteilen, ehe ich nicht eine Meile in seinen Mokassins gegangen bin." 

Sehr empfehlenswert 

Helga König 

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200 Frauen: Was uns bewegt

Rezension: Fliegen kann jeder- Günther Maria Halmer- C. Bertelsmann

Die spannend zu lesende Biographie "Fliegen kann jeder" stammt aus der Feder des Schauspielers Günther Maria Halmer. Seine Lebensgeschichte zeigt einerseits, dass vieles im Leben dem Zufall geschuldet ist. Es zeigt aber auch, dass man nur dann wirklich erfolgreich sein kann, wenn man seinen Gaben gemäß lebt, tätig ist und auch etwas wagt. 

Günther Maria Halmer, ein lebenserfahrener und dabei sehr nachdenklicher Mensch ist klar, dass die Umstände das Ich formen.

Wie kam es dazu, dass Halmer zu dem Mensch wurde, den man spontan mag, weil er Authentizität, leichte Ironie und viel Liebenswürdigkeit ausstrahlt? 

Halmers Kindheit und Jugend lassen nicht erkennen, dass er später einmal ein berühmter, weltoffener Schauspieler werden würde. Seine Mutter- sieben Jahre älter als sein Vater- brachte den Knaben im Alter von 37 Jahren zur Welt. Vorgezeichnet war ihm von seiner Herkunft her ein anderer Weg als jener, den er dann tatsächlich ging. Das Einzelkind mit sehr strengem Vater sollte promovierter Jurist werden. Halmer war allerdings zu  renitent und zu freiheitsliebend, um sich seinem Vater und den Lehrern seiner Generation zu unterwerfen. Der Klassenclown verließ das Gymnasium vorzeitig, begann verschiedene Ausbildungen, die nicht zu ihm passten, besuchte eine Sprachenschule, auch die Hotelfachschule, wurde sogar Minenarbeiter in Kanada, bis er schließlich aufgrund eines zufälligen Gesprächs mit einem dortigen Kollegen entdeckte, was seine Bestimmung war: den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. 

Halmer ist 24 Jahre alt als er 1967 die Aufnahmeprüfung in der Otto Falckenberg Schule, der– Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München besteht und nun die Anerkennung findet, die ihn zu dem macht, was in ihm von Anbeginn an schlummerte.  Es ist ebenso spannend für den Leser diese Entwicklung nachzuvollziehen wie zuvor es sehr lesenswert war,  zu erfahren, was einen wirklich resilienten Menschen ausmacht. Nach so vielen Misserfolgen sich wieder aufzurichten und hoffnungsfroh weiterzugehen, gelingt nicht jedem, wie man weiß. 

Für Halmer steht fest, dass seine Aufnahme in die berühmte Falckenberg-Schule- trotz mittelmäßigem Vorsprechen - mit seinen Erfahrungen im Bergwerk in Kanada zu tun hatte und dass sein gesamtes Vorleben sich schon damals in seiner Persönlichkeit ausdrückte. 

Der Schauspieler erzählt in der Folge von seinem Berufsleben und seinen Rollen, aber auch von seiner Beziehung zu seiner Frau, die er im Alter von 27 Jahren kennenlernte und mit der er schon über 40 Jahre glücklich verheiratet ist. Seine Claudia, Schauspielerin wie er und Mutter seiner beiden Söhne, ist und war ihm stets eine große Stütze und der Mittelpunkt seines Lebens, lässt er seine Leser wissen. Es sei ihre Herzensbildung, ihre Weitsicht und ihre Vernunft, die ihn im Laufe der Ehe haben milder werden lassen. Vormals nämlich hätten seine Renitenz und seine Sturheit viel zerstört und er habe aufgrund dieser Ecken und Kanten immer wieder Menschen vor den Kopf gestoßen. 

Sehr interessant sind natülich Halmers Erinnerungen an sein Schauspielerleben. Viele kennen Günther Maria Halmer als tollen Mimen in Fernsehfilmen, doch nicht jeder weiß um seine Rollen in Spielfilmen wie etwa "Gandhi", wo er die Rolle des Dr. Kallenbach mimte oder auch in "Sophies Entscheidung", wo er  u.a. die Rolle des Auschwitz-KZ-Lagerkommandanten Rudolf Höss spielte, während Meryl Streep die Rolle der Jüdin Sophie übernahm. 

Halmer berichtet nicht nur von seinen Filmen, seinen Regisseuren und seinen Schauspielerkollegen, sondern auch von seinen Gefühlen, die mit einzelnen Rollen verbunden waren und von den Eindrücken in den Ländern, in denen Filme gedreht wurden,  so auch in der Sowjet-Union. Dort mimte er  in "Peter der Große" die Rolle von Peter Tolstoi, während Maximilian Schell die Rolle von Peter dem Großen spielte.

Von 1988 bis 2001 spielte er in  20 Folgen der Serie "Anwalt Abel" die Hauptrolle. An diese wunderbaren Fernsehfilme dürften sich noch viele erinnern. Doch das Buch eröffnet dem Leser eine viel breitere Sicht auf diesen vielfältig begabten Schauspieler, der ein brillanter Erzähler ist und auf diese Weise seine Leser bis zur letzten Seite zu fesseln weiß. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten – Christian Nürnberger und Petra Gerster.

Das vorliegende Buch ist eine Teamarbeit des Ehepaars Christian Nürnberger und seiner Frau Petra Gerster. Die beiden Journalisten haben gemeinsam schon mehrere Bücher verfasst. Allesamt wurden zu Bestsellern. 

Die ein wenig verspielt und oftmals humorvoll daher kommenden Illustrationen dieser Luther-Biographie stammen von Irmela Schautz. Sie hat Malerei und Grafik an der Kunstakademie Münster und Bühnen- und Kostümbild an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart studiert. Heute lehrt sie an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. 

Weshalb dieses Buch in einem Jugendbuchverlag erschienen ist, vermag ich nicht zu deuten. Vielleicht der Bilder wegen, die man so gestaltet, eher aus Jugendbüchern kennt?

Der Text selbst ist vielschichtig, kritisch und intellektuell alles andere als oberflächlich angelegt, insofern also bestimmt für junge und nicht mehr ganz so junge offene Geister, die Freude an einer  unverkrampften Sprache haben.

Anlässlich des 500 jährigen Reformationsjubiläums in 2017 haben bereits einige Autoren Biographien zu Luther verfasst. Für das vorliegende Buch spricht die leichtfüßige Sprache, gepaart mit der spielerischen Aufbereitung von historischen Fakten und intellektuellen Überlegungen, sowie das gekonnte Herstellen von Zusammenhängen, ohne die geschichtliche Begebenheiten bekanntermaßen unverständlich bleiben und  sofort wieder vergessen werden. 

Spannend erzählt wird die Lebensgeschichte Martin Luthers, der – unüblich in seiner Zeit- nur Gott und dessen Wort als einzige Autorität anerkannte. Dass er eine entlaufene Nonne schwängerte, sie heiratete und sich selbst seiner Mönchskutte entledigte, vervollständigte den Skandal um diesen trotz allem aber sehr frommen Mann. Obschon Luther, laut Nürnberger, kein neuzeitlich aufgeklärter Humanist war, wurde er zum Reformator und zum Gründer einer neuen Kirche und zudem zum Bibelübersetzer, Schöpfer der deutschen Sprache, Schriftsteller, Bestseller-Autor und Ahnherr der Institution des evangelischen Pfarrhauses.

Aufgezeigt werden die einzelnen, wichtigen Ereignisse auf dem Lebensweg des Reformators, seine frühen Entscheidungen, die er später in Frage stellt und seinen Konflikt mit seinem Vater, der aus seinem Sohn einen Juristen und keinen Theologen machen wollte.Verdeutlicht aber auch wird Luthers Desinteresse im Hinblick auf die Kunst und andere Errungenschaften der Renaissance und klar wird recht bald, dass Martin Luthers Fokus sich gezielt auf die Gestaltung eines neues Gottesbild richtet. 

Er tat dies, indem er an den alten Autoritäten zweifelte und zu prüfen begann, ob deren Lehren tatsächlich stimmten. Dabei ging es, wie man erfährt, nicht um Rebellion, sondern um Wissbegierde. Über Luthers Gottesbild, auch über den Ablasshandel und über die 95 Thesen, die er einst verfasst hatte, liest man Aufschlussreiches und erfährt zudem, dass die berühmte "Türgeschichte" wie so manch andere Story um Luther der Legendenbildung angehört. 

Fakt ist, dass Luther im Laufe von nur vier Jahren eine Vielzahl von Schriften angefertigt hat, die zur Entstehung der evangelischen und reformierten Kirche führten. Nicht unerwähnt bleibt die neue Drucktechnik Gutenbergs, die es erst möglich machte, dass eine unabhängige öffentliche Meinung entstand, die sich gegen Rom richtete. 

Auch kirchenpolitische und politische Überlegungen bleiben nicht ausgegrenzt. Luthers Lehre war ab 1520 in den Köpfen vieler und die Zeit für das Neue nicht mehr umkehrbar. Worin dieses Neue bestand, erfährt man im Buch detailliert. 

Dass Wortschöpfungen wie "Gewissensbisse", "Selbstverleugnung", "Wortgezänk" oder Metaphern wie "Perlen vor die Säue werfen" auf Luther zurück gehen, wird nicht jedem bekannt sein und vielleicht auch nicht, dass Luther gerne im Team arbeitete, was in seiner Zeit ungewöhnlich war. Über seinen Text "Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man Gehorsam schuldig sei" liest man, dass Luther dort die später sogenannte "Zwei -Reiche-Lehre" entfaltete, wonach Glaubensfragen eine Angelegenheit Gottes sei und keine Macht der Welt Christen in Glaubensfragen Vorschriften machen dürfe. Kaiser, Könige und Fürsten müssten also außen vor bleiben. 

Nürnberger lässt die Folgen der "Zwei-Reiche-Lehre" nicht unerwähnt, die sich darin zeigten, dass sich daraus der deutsche Obrigkeitsstaat und obrigkeitshörige Untertanen entwickelten. 

Welchen Einfluss seine Frau Käthe auf Luther und Luthers Schaffen hatten, ist auch ein Thema. Dieses Kapitel hat Petra Gerster verfasst, die u.a. lange Jahre hindurch die Informationssendung für Frauen mit dem Titel "Mona Lisa" moderierte und hierfür den Hanns-Joachim-Friedrich-Preis erhielt, insofern mit kompetentem Blick diese Mann-Frau-Beziehung beleuchtet.

Katharina von Bora erinnert in ihrer Tüchtigkeit an die Lebensgefährtin Christiane Vulpius, auch wenn die geistige Ausrichtung unterschiedlich gewesen sein mag, so mein spontaner Eindruck. 

Christian Nürnberger geht, das bleibt zu sagen, kritisch mit Martin Luther um und vergisst nicht zu erwähnen, dass dieser in seinen späteren Lebensjahren sehr hasserfüllt nicht nur den Papst, sondern auch die Osmanen und die Juden beschimpft habe. Mit den zuletzt genannten Beschimpfungen habe Luther leider zum Antisemitismus in Europa beigetragen. 

Wer dieser Martin Luther war und in welcher Beziehung er zu Malern und Musikern und zeitgenössischen Wissenschaftlern stand, ist ebenso interessant zu erfahren, wie die Bedeutung dieses Mannes im Hier und Jetzt und auch, welche Konsequenzen sich aus den unschönen Erfahrungen aus dem Gestern ergeben. 

Papst Franziskus erinnert meines Erachtens in seinem Reformwillen sehr an Luther, nur dass er toleranter auf Muslime und Juden zugeht. Ob das Oberhaupt der katholischen Kirche bereit ist, das höchste Amt der katholischen Kirche abzuschaffen, um die gespaltene Kirche wieder zu einen, wird man sehen. Undenkbar ist dies ebenso wenig, wie die Tatsache, dass die Protestanten einen Papst in einer reformierten, katholischen Kirche als  Führungskraft Nr. 1 akzeptieren. 

Alles ist möglich. Das wissen wir seit 1989.

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Rezension:Die Macht des Vergebens- Eva Mozes Kor

Die heute 82 Jährige Eva Mozes Kor hat gemeinsam mit dem mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller Guido Eckert das vorliegende Buch verfasst. Kor wurde als zehnjähriges Mädchen gemeinsam mit ihren Geschwistern und Eltern nach Auschwitz deportiert und mit ihrer Zwillingsschwester von dem KZ-Arzt Dr. Josef Mengele für medizinische Versuche missbraucht.

Ausführlich  berichtet die Jüdin zunächst über  ihre Gefangennahme und Deportierung und über die Erfahrungen im Konzentrationslager. Immer wieder erwähnt sie  ihren Überlebenswillen, ohne den sie diese grausame Zeit wohl nicht überstanden hätte. Sie sah im KZ Kinder, die erblindeten, weil Mengele mit Chemikalien deren Augenfarbe verändern wollte und solche, die verstümmelt wurden oder nach Kastration, Amputation und Organentnahme starben.

Als damals Zehnjährige wurden an ihr immer wieder schmerzhafte Versuche ausgeführt. Es grenzt an ein Wunder, dass sie all die Torturen überhaupt überlebt hat. Die alte Dame fragt sich  nach all den furchtbaren Erfahrungen, was uns eigentlich menschlich bleiben lässt und kommt zu dem Ergebnis, dass es der Wille ist, alles für einen anderen Menschen zu tun, ohne dafür etwas zu erhalten, nicht einmal ein simples "Danke".

Als Ihre Zwillingsschwester Miriam an den Spätfolgen der Menschenversuche schwer erkrankt und stirbt, recherchiert sie nach deren Peinigern und erkennt, dass es sie nur einen Weg geben kann, sich von diesen zu befreien: Zu vergeben.

Was Vergebung für sie bedeutet, erläutert sie in ihrer Vergebungserklärung. Für sie ist es die Möglichkeit ihrer Hilflosigkeit zu entkommen, die so lange wirkte, solange sie Hass, Wut und Zorn in sich spürte und sich  der Vergangenheitsbewältigung entzog. Sie wollte nicht länger Opfer sein. Vergebung  habe ihr geholfen, nicht ein Mensch zu werden, der Tätern nacheifert und böse wird.

Für sie gilt: Täter müssen bestraft werden, aber sie möchte sich nicht in der Frage nach der Härte der Strafe in überflüssige Diskussionen ziehen lassen, weil Wut böse mache. Sie will am Kreislauf des Verderbens nicht teilnehmen, indem sie nach Vergeltung schreit. Sie möchte keine destruktive Energie in sich tragen.

Eva Mozes Kor war Nebenklägerin im Lüneburger Auschwitz-Prozess und vergab in diesem Zusammenhang einem früheren SS-Mann. Dabei vergab sie ihm nicht, weil er es verdiente, sondern weil sie die Auffassung vertritt, dass sie es verdient, endlich frei zu sein. 

Nach Meinung der Gepeinigten kann nur Vergeben die Welt verändern. Vielleicht hat Kor damit Recht. Ich allerdings möchte das bezweifeln, denn das Leben hat mich gelehrt, dass das Böse ein Bestandteil dieser Welt ist und sich nicht zurücknimmt, wenn man vergibt. Im Gegenteil.

Trotz aller Vorbehalte habe ich große Achtung vor Eva Mozes Kors Geste und wünsche ihr, dass sie die Dämonen des Gestern hierdurch für immer los geworden ist.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.

Empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Mit Platon und Marilyn im Zug- Was uns die Begegnungen berühmter Persönlichkeiten über die großen Fragen des Lebens verraten- Helge Hesse- Piper

Helge Hesse, der Autor dieses spannend zu lesenden Buches, hat bereits mehrere Sachbücher zu kulturellen, historischen und philosophischen Themen verfasst, so etwa den in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller "Hier stehe ich, ich kann nicht anders- In 85 Sätzen durch die Weltgeschichte", den ich kürzlich rezensiert habe. 

Der studierte Philosoph schreibt im vorliegenden Werk über interessante Begegnungen namhafter Persönlichkeiten aus der Geschichte und welche Fragen sich aus diesen Zusammentreffen für ihn ergeben. 

Ich habe das Buch nicht chronologisch gelesen, sondern bin wie sooft meiner Neugierde gefolgt und wollte von daher nicht zuallererst wissen, was Macht ist, auch nicht, ob Krieg gerecht sein kann, sondern mich interessierten zunächst Fragen wie etwa "Ist Kunst lebensnotwendig?", "Darf es Freiheit ohne Verantwortung geben?" aber vor allem "Ist der Kopf wichtiger als das Herz?"

Zunächst las ich die tragische Geschichte von Pierre Abélard und Héloise, die für ihre Liebe einen sehr hohen Preis zahlen mussten. Mich berührt das Schicksal Abélards schon viele Jahre. Es gibt keine Liebesgeschichte, die mich so gefangen nimmt, wie diese. 

Wie Helge Hesse so treffend schreibt, mussten Abélard und Héloise mit ihrem Glauben und ihrer Kirche ringen, aber auch mit den Umständen der Zeit. Zurück blieben zwei gebrochene Herzen, so die Analyse des Autors, der resümiert, dass diese unglücklich Liebenden sich in den Verstand flüchteten. Sie hatten wohl keine andere Chance... 

Jede einzelne Geschichte, die stets mit Zitaten der fokussierten Personen beginnt, gewährt uns einen Einblick in deren Lebensumstände und Denken. 

Interessant auch ist die Frage, die sich um die Begegnung Johann Wolfgang von Goethes und Alexander von Humboldts rankt. "Welches Wesen hat die Natur?" Für beide ist der Mensch ein Bestandteil der Natur. Sie ist nach ihrer Auffassung Teil ihres Wesens. Wie wir die Natur empfinden, trage dazu bei, dass wir sie verstehen. 

Goethe und Humboldt sollen im Blick des anderen die Vielseitigkeit des Daseins erkannt, speziell des menschlichen Geistes, und so erfahren haben, was Seelenverwandtschaft ist. Für beide soll sich das Wesen der Natur in dem Blickwinkel gezeigt haben, den der Mensch ihr gegenüber einnimmt. 

Es ist leider unmöglich, auf alle Fragen und Begegnungen im Buch einzugehen. Gefallen haben mir die Reflektionen zu John Lennon und Yoko Ono. "Kann man die Welt retten?" Ja, gewiss, wenn man den Gedanken Yoko Onos Ernst nimmt: "Ein Traum, den Du alleine träumst, ist nur ein Traum. Ein Traum, den Du gemeinsam träumst, ist Realität." 

Wie schön, wenn alle gemeinsam vom Frieden träumen und auf diese Weise der Traum wahr wird, weil alle sich genau darum bemühen. Ein tolles Buch, das sehr zum Nachdenken anregt.

 Empfehlenswert 

 Helga König

Das Buch ist überall im  Fachhandel erhältlich

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Rezension: Ein Appell von #Shirin_Ebadi an die Welt- Das hat der Prophet nicht gemeint

Dieses überaus lesenswerte, kleine Büchlein enthält Texte der Friedensnobelpreisträgerin #Shirin_Ebadi. Die Iranerin, Juristin muslimischen Glaubens, ist eine mutige Kämpferin für Menschenrechte und Aktivistin für Frieden und Stabilität. 

Im ersten Teil des Werkes kann man sich in die Gedankenwelt von Shirin Ebadi vertiefen. Im dann folgenden Part informiert Gudrun Harrer, Islam- und Politikwissenschaftlerin, Nahostexpertin sowie Journalistin bei der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" über die Friedensnobelpreisträgerin, die sie als "Die Unbeugsame" bezeichnet.

Shirin Ebadi wurde am 21. Juni 1947 in Hamadan geboren und wuchs in Teheran auf.  Seit 2009 lebt sie im Exil in Großbritannien. Ihr Ehemann wurde 2010 im Iran gefoltert, weil man ihn dazu bringen wollte, sie zu denunzieren. Seit jenen Tagen hat sie ihn nur noch einmal gesehen. 

Harrer schreibt von Shirin Ebadis vorrevolutionärer Jugend als Tochter aus gebildetem Hause. Bereits 1971 bewarb sie sich als Richterin, promovierte ein Jahr später und wurde 1975 Präsidentin des Teheraner Stadtgerichts. Man erfährt, weshalb sie anfangs keine Sensorik dafür entwickelt hatte, dass die Rolle der schiitischen Geistlichkeit bei der Revolution eine Gefahr für die Zukunft des Iran verkörperte, liest auch wie die Richterin nach der Machtübernahme Khomeinis kaltgestellt wurde und wie sie schließlich zur Menschenanwältin wurde.

Im Jahre 1995 wurde Ebadi Mitbegründerin des Vereins für die Unterstützung der Kinderrechte. Wie es dazu kam, dass sie mit dem Friedennobelpreis ausgezeichnet wurde,  beschreibt Gudrun Harrer am Ende ihre Porträts. 

Ich empfehle das Porträt Shirin Ebadis von Harrer zuerst zu lesen und sich danach die Gedanken der Friedensnobelpreisträgerin zu Gemüte zu führen, weil man vor dem Hintergrund ihrer Vita ihr Denken noch besser versteht. 

Sie äußert sich u.a. zu Gerechtigkeit, dem Frausein, der Liebe, dem Leben, der Unabhängigkeit, der Gewalt, der Wirtschaft, der Globalisierung, dem Frieden, dem Islam, dem Fortschritt, der Kommunikation und der Widerstandskraft. 

Für sie ist es keine Frage, dass alle Religionen eine gemeinsame Wurzel haben und der Islam so interpretiert werden muss, dass er sowohl die Menschenrechte als auch die Demokratie akzeptiert. Dies sei möglich, so Ebadis. Sie habe es der iranischen Regierung mehrfach aufgezeigt. Und genau aus diesem Grunde habe man das Todesurteil über sie verhängt. 

Für diese kluge Frau ist es klar, dass Fortschritt nur durch gute Kommunikation erreicht werden kann und man Frieden nur dann schafft, wenn die Produktion und Verbreitung von Waffen eingeschränkt wird. 

Sie sagt unmissverständlich für alle, dass die radikalen Islamisten mit ihrem Fundamentalismus und Extremismus eine völlig falsche Ideologie vermitteln und  manche junge Europäer mit Migrationshintergrund nur deshalb Terroristen werden, weil sie keine Ahnung vom Koran haben. Sie gehen demnach Extremisten auf den Leim, weil sie eine extremistische Ideologie nicht von Religion unterscheiden können.

Shirin Ebadis Botschaft an ihre Geschlechtsgenossinnen: "Frauen und Männer, die sich unterdrückt fühlen und in Angst leben, müssen sich befreien. Von ihren Vätern, Ehemännern, Brüdern. Mädchen müssen sichergehen, dass sie Ausbildung bekommen. Sie müssen sich Kompetenzen aneignen, die ihnen die Möglichkeit geben, Jobs nachzugehen und wirtschaftlich unabhängig zu sein. Eine Frau, die wirtschaftlich abhängig ist, wird nie ein Selbstwertgefühl entwickeln. Eine Frau, die kein Selbstwertgefühl hat, riskiert immer, ein Opfer zu werden“

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Weimarer Persönlichkeiten- Ulrich Völkel (HG.)

Herausgeber dieses bemerkenswerten Buches ist der seit 2001 in Weimar lebende Schriftsteller und Lektor  UIrich Völkel. 

Wer Weimar schätzt oder gar liebt und sich mit den Protagonisten dieser Stadt aus unterschiedlichen Jahrhunderten näher befassen möchte, sollte dieses Nachschlagewerk immer wieder zur Hand nehmen, denn hier warten 350 Beiträge darauf, gelesen zu werden. Die Personen, um die es in den Texten geht, haben alle über einen gewissen Zeitraum hinweg in Weimar gelebt oder  die Stadt zumindest besucht oder ihre Werke dort präsentiert. 

Neben den spannend zu lesenden Beiträgen, umfasst das Buch eine Fülle von Abbildungen, die selbst Weimarkennern nicht immer bekannt sein dürften. Dabei ist das Werk alphabetisch angelegt und beginnt mit Anmerkungen zu Hermann Abendroth, einem aus Frankfurt stammenden Komponisten und Dirigenten, der bereits als Student die Leitung des Münchner Orchestervereins übernahm und nach dem 2. Weltkrieg die Stelle als musikalischer Oberleiter der Weimarischen Staatskapelle begleitet hat. Er zählt wie viele andere Personen, die im Buch zur Sprache kommen, zu den Ehrenbürgern der Stadt. 

Natürlich erfährt man Wissenswertes über Anna Amalia, auch Bettina von Arnim bleibt nicht ausgespart und selbstverständlich liest man von den  großen Musikern und Dichtern, die zeitweilig oder fast ihr gesamtes Leben hindurch in Weimar lebten. Unbekannt war mir bislang, dass Marlene Dietrich 1918 an der Musikhochschule in Weimar eine Ausbildung als Konzertgeigerin begann, später dann das Studium in Berlin fortsetzte, bevor sie Schauspielunterricht bekam und zu diesem Zeitpunkt schon seitens des Theaterregisseurs Max Reinhardt am Deutschen Theater engagiert war. All dies gehört zudem Persönlichkeitsmosaik "Weimar", der Stadt, die 1999  zur Kulturhauptstadt Europas gekürt wurde.

Zu Goethes Zeiten zog es viele Kulturinteressierte nach Weimar, doch auch zu Zeiten Liszts und des Bauhauses, war Weimar der "In-Place"   aller Kulturinteressierten und Kulturschaffenden. 

Weimarer Hofdamen lernt man kennen, wird  zudem über Iffland, Caroline Jagemann und Jean Paul informiert, erfährt, dass Franz Kafka 1912 den Ort bereiste und liest als Goethe-Fan nichts Neues, wenn man darauf stößt, dass Thomas Mann anlässlich Goethes 200. Geburtstags in Weimar weilte und die Ehrenbürgerwürde der Stadt erhielt. Auch Rilke übrigens ließ sich Weimar nicht entgehen.

Jorge Semprún, der einstige Widerstandskämpfer und spätere spanische Kulturminister wurde 1944 von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, ein Schreckensort, der unweit von Weimar gelegen ist.   Es ist lobenswert, dass man Buchenwald nicht  ausgeklammert hat.

Natürlich wurde Charlotte von Stein nicht vergessen und auch Henry van de Velde nicht.  Sogar einen Blick in Christiane von Goethes Geburtshaus darf man werfen und freut sich, zu lesen, dass sie eine natürliche Intelligenz und vor allem Herzensbildung besaß, "die dem überragenden Geist Goethes lebenslange Zuneigung und Respekt abforderte."

Ob dieser Satz Charlotte und der Weimarer Hofgesellschaft gefallen hätte, sei dahingestellt.  Er zeigt, dass der Herausgeber an alten Legenden nicht weiter festhält und geerdete Geschichtsdarstellung betreibt.


Ein sehr empfehlenswertes Buch 

Helga König

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Rezension: Goethe im Wahnsinn der Liebe- Band 2 "Tassos" Botschaft- Veit Noll

 Goethe im Wahnsinn der Liebe 
Band 2 "Tassos" Botschaft
Der Autor Veit Noll legt mit dem 2. Band "Goethe im Wahnsinn der Liebe", der den Titel "Tassos" Botschaft trägt, ein Buch vor, das anhand der Textanalyse von Goethes Schauspiel "Tasso" verdeutlicht, dass eines seiner Motive, Weimar zu verlassen und nach Rom zu gehen, möglicherweise darin bestand, sich des emotionalen, vielleicht auch erotischen Zugriffs der Fürstin Anna Amalia zu entziehen. 

Zu Eckermann sagt Goethe im Mai 1827 in Bezug auf die kritische Beurteilungen des Tasso seitens des französischen Kritikers J. J. Ampère: "Wie richtig hat er bemerkt, dass ich in den ersten zehn Jahren meines weimarischen Dienst- und Hoflebens so gut wie gar nichts gemacht, dass die Verzweiflung mich nach Italien getrieben, und dass ich dort mit neuer Lust zum Schaffen die Geschichte des Tasso ergriffen, um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von demjenigen frei zu machen, was mir noch aus meinen weimarischen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches und Lästiges anklebte. Sehr treffend nennt er daher auch den Tasso einen gesteigerten Werther."

Der Dichter wiederholt Eckermann gegenüber am 10. Februar 1829 erneut, dass er in den ersten zehn Jahren seiner Weimarer Zeit nichts bedeutendes Poetisches hervorbrachte und fügt hinzu, dass er stattdessen die Jahre durch "Liebschaften verdüstert" habe. Goethe gesteht Eckermann also "mehrere" Liebschaften in besagter Phase. 

Seine Beziehung zu Charlotte von Stein ist allseits bekannt. Seine mögliche Liebschaft zu Anna Amalia liest Noll nicht zuletzt aus dessen "Torquato Tasso" heraus.

Bevor man sich in die Überlegungen Veit Nolls vertieft, empfiehlt es sich,  die beigefügten Bilder genauer zu betrachten, um sich auch visuell mit der Zeit und verschiedenen Personen auseinanderzusetzen, um die es hier geht. 

Anna Amalia, die Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach war bereits Witwe als Goethe sie kennen lernte. Sie war  um 10 Jahre älter als er. Seine große Liebe Charlotte von Stein wurde übrigens 7 Jahre vor ihm geboren.  Ein Problem mit älteren Frauen als Liebesobjekten hatte er demnach nicht.

Mit der Mäzenin Anna Amalia verband ihn wie  Noll hervorhebt, ein großes Interesse an der Kunst der Antike, an Winkelmanns Erkenntnissen und der Musik in Italien. Anna Amalias Aufforderung an ihn  einem gemeinsamen Aufenthalt in Rom nachzukommen, hätte ihn eigentlich begeistern müssen, wenn da keine emotionalen Hindernisse dagegen gestanden hätten.  Goethe soll sich, wie der Autor die Leser wissen lässt, beharrlich geweigert haben, Anna Amalia in Italien aufzusuchen und sich mit seiner Korrespondenz zurück gehalten haben. 

Der Dichter selbst weilte bekanntermaßen von 1786- 1788 in Italien und vollendete 1789 seinen "Tasso". Goethe, der Italien liebte, und seinen Freunden in Rom und Neapel seine Wiederkehr versprochen hatte, löste das Versprechen nicht ein, sondern reiste nur bis Venedig. Er scheute offenbar die Nähe der Fürstin. Dass die Ursache hierfür eine vormalige Affäre, die er nicht mehr auflodern lassen wollte, gewesen sein könnte, halte ich nach den Überlegungen des Autors durchaus für denkbar. 

Veit Noll stellt einige wichtige Fragen zu Goethes sonderbarem Verhalten, Anna Amalia keinesfalls in Rom zu begegnen, die ich für sehr zielführend halte im Hinblick auf Goethes Gefühlslage. 

Der Dichter Torquato Tasso, mit dem sich Goethe in seinem Werk beschäftigt, ist eine historische Gestalt aus der Renaissancezeit. Er kam 1565 an den Hof der Este nach Ferrara. Dort traten zehn Jahre später erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung auf, in deren Zusammenhang er so gewalttätig wurde, dass man ihn in einem Kloster isolierte, aus dem er aber floh und schließlich in ein "Irrenhaus" eingesperrt wurde. 

Goethes "Tasso" spielt in Belriguardo, einem Lustschloss von Alfons II., dem Herzog von Ferrara. Thema des Dramas sind neben der Liebe des jungen Tasso zu Leonore, der Prinzessin von Este, der Schwester des Herzogs - die Rolle des Dichters in der höfischen Gesellschaft. 

Leider ist es unmöglich, im Rahmen dieser Rezension auf das Drama "Tasso" ausführlich wissenschaftlich einzugehen und gewissermaßen eine Rezension über die einzelnen Überlegungen Nolls zu diesem Werk Goethes anzufertigen, weil dies einer Seminararbeit an der Uni gleichkäme. Gesagt aber werden kann, dass es sich für Germanisten, die eine Seminararbeit über den Tasso anfertigen wollen, durchaus lohnt, sich auch mit Veit Nolls Ansatz zu befassen, zumal er sehr wissenschaftlich mit vielen Fußnoten seine Betrachtungen vervollständigt hat. 

Veit Noll sieht Leonore gedoppelt als zwei Seiten von Anna-Amalia, während Charlotte von Stein als ungenannte Perle erscheint.

Goethes Tasso II soll in erster Linie eine Botschaft an Anna Amalia gewesen sein,  in der er ihr subtil unterbreitet, dass er sie nicht liebe. Diese Botschaft übermittelte Goethe indirekt als Abschrift von Caroline Herder an Anna Amalia. Johann Gottfried Herder las sie in Tivoli vor, woraufhin Anna Amalia sichtbar betroffen reagierte. Auf der im Buch beigefügten Abbildung von Johann Georg Schütz wird der Kummer der Fürstin deutlich. 

Die Beziehung Goethes zu Anna Amalia scheint alles in allem nicht einfach gewesen zu sein und lässt erahnen wie kompliziert die Rolle des jungen Dichters in Weimar gewesen sein muss,  gerade was Abhängigkeiten als "Mätresserich" anbelangte, der sich zu entwinden und gleichzeitig Freund am Hofe zu bleiben, gewiss viel diplomatischen Geschick erforderlich machte.

Das spannend zu lesende Buch macht bereits neugierig auf das nächste, weil Veit Noll dann abermals dem Verhältnis zwischen Goethe und Anna Amalia nachspürt und zwar im Hinblick auf dessen Italienreise, den Italienaufenthalt und seine Dichtung.  Der Autor verspricht dem Leser schon jetzt neue Erkenntnisse zur Liebe und zur Denkweise des Dichters, der als Apoll von Weimar viel Platz für Recherchen ermöglicht, die aufhorchen lassen.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Goethe im Wahnsinn der Liebe
Band 2: Tassos Botschaft
ISBN; 978-3-9816669-4-6

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